"Passion der Eingeborenen"

Ein Musikspiel-Panorama über die Geschichte Lateinamerikas

Musik: Peter Janssens
Text: Stephan Kiepe

Aufgeführt von der Gruppe "Jonathan"
unter Leitung von Winfried Günster
am 23.3.04 in der Marienkirche in Kamp-Lintfort

Das Bühnenbild Cristoph Columbus entdeckt Indien

Die Sängerinnen und Sänger In 10 Bildern wird die Leidensgeschichte der lateinamerikanischen Indios von 1492 bis heute dargestellt Besonders beeindruckend ist das 5. Bild: Es erzählt, wie aus der Silbermine des Cerro Rico von Potosí die reichste Stadt der Welt entstandDer Dominikaner Bartolomé de las Casas setzte sich als einer der wenigen schon im 16. Jahrhundert für die Rechte der Indios einNachdem die Spanier vertrieben worden waren, kamen die NordamerikanerAuch heute noch bettelt der Indio auf den Straßen Lateinamerikas ums Überleben

Passion der Eingeborenen
Einleitung zum fünften Bild: Von feinen Leuten und reichen Beuten
(zusammengestellt von Martin Fey nach Anregungen von Eduardo Galeano)

Unaufhörlich bringen Lama- und Maultierkarawanen Silber in den Hafen von Arica. Das Silber entstammt dem Cerro Rico, dem reichen Berg bei Potosí. 1573 ist Potosí mit 120.000 Einwohnern größer als Sevilla, Madrid, Rom oder Paris zu damaliger Zeit. Sündhaft teuer ist alles in dieser Stadt, der teuersten und reichsten Stadt der Welt. Man sagt, dass selbst die Hufeisen der Pferde in der Blütezeit Potosís aus Silber waren. 1658 wurden die Pflastersteine entfernt und vollends durch Silberbarren ersetzt.

Vor den Toren von Potosí liegt der Silberberg – fast 5000 m hoch. Für die Indios ist es die Eingangspforte zur Hölle. Über 5000 Schächte werden in den Berg getrieben. Montags früh, wenn es hell wird, werden die Indios unter Tage getrieben und arbeiten sich kokakauend mit Brechstangen hinter den Silberflözen her. Eine ganze Woche lang leisten sie dort unten Sträflingsarbeit, atmen lungenzerfressenden Staub ein und kauen Koka, das ihren Hunger betäubt und über ihre Erschöpfung hinwegtäuscht, ohne dabei zu wissen, wann es Tag und wann es Nacht ist, bis endlich am Samstag zum Gebet und zur Auffahrt geblasen wird. Dann tasten sie sich mit brennenden Kerzen mühsam nach oben und gelangen erst am Sonntag früh ans Licht, so tief sind die Stollen und so endlos die Gänge und Galerien.
Ein eben aus Potosí eingetroffener Pfarrer sieht, wie der lange Zug ausgemergelter Geistergestalten mit wundgepeitschten Rücken in die Vorstädte taumelt und er meint:
- Ich will dieses Ebenbild der Hölle nicht sehen!
- So macht doch die Augen zu, wird ihm geraten.
- Ich kann nicht, sagt der Pfarrer. – Mit geschlossenen Augen sehe ich noch mehr.

An keinem Ort der Welt kommen das Elend, die Funktionsweise und das Ergebnis des Kolonialismus so deutlich zum Ausdruck wie in der Geschichte von Potosí. Der Silberstrom nahm gigantische Ausmaße an: In anderthalb Jahrhunderten betraf das nach Spanien transportierte Silber, nach offiziellen Schätzungen 16 Millionen kg, dreimal die gesamten Reserven Europas. Sie bewirkten die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, den ersten ausschlaggebenden Schub für den Kapitalismus. Die Spanier hatten die Kuh, aber andere tranken die Milch. Spanien war für das Silber letztendlich nur eine Durchgangsstation. Mit ihm wurden Schulden bezahlt, Kriege geführt, Luxus und Verschwendung einer kleinen Aristokratie finanziert. Die wirkliche Entwicklung fand woanders statt: in Holland, Deutschland, England und Frankreich.

Und in Potosí? Unser Reichtum hat immer unsere Armut hervorgebracht, klagen die Andenvölker. Der reiche Berg ist ausgebeutet. In Potosí ist die Armut mit Händen zu greifen. Nördlich von Potosí sterben heute 300 von 1000 Kindern bevor sie fünf Jahre alt werden. 80% der Menschen leben in extremer Armut. Die Analphabetenquote vor allem bei Frauen liegt in den ländlichen Regionen bei 90 %. „Ayudame“ ruft mir der kleine Indiojunge hinterher – „Hilf mir!“.