Voneinander
lernen und miteinander teilen
Eindrücke
in Norte Potosí / Bolivien
April
2003


Norte Potosí
· eine abgelegene
Region hoch in den bolivianischen Anden in Höhenlagen zwischen 2.000
und 5.000 Metern
· 90.000 Menschen leben hier, ursprünglich Aymara, heute 55% Quechua,
40% Aymara und 5% Mestizen
· drei verschiedene Sprachen werden gesprochen: Aymara, Quechua und
Spanisch; nicht jeder kann jeden verstehen, denn manche sprechen nur ihre
eigene Sprache
· 80% der Menschen leben in extremer Armut weit verstreut in kleinen
Dörfern, überleben nur durch Subsistenzwirtschaft
· in einem kleinen Haus aus Lehmziegeln lebt in der Regel in nur einem
einzigen Raum eine ganze Familie ohne Bad, Toilette, fließendes Wasser
und ohne Strom; oft werden nachts auch noch Tiere im Haus untergebracht
· Kartoffeln, Quinua, Mais, Bohnen, Weizen, Hafer, Erbsen und Gerste
sind die Hauptnahrungsmittel; es fehlen Gemüse, Milch, Fleisch und andere
Nahrungsmittel, die Vitamine, Proteine und Mineralstoffe beinhalten
· die Kindersterblichkeit liegt bei 250 von 1.000 Kindern
· 50% sind Analphabeten, 35% haben keine Schule besucht; nur eines
von fünf Kindern beendet die Schule mit einem Abschluss
· unter der Armut leiden vor allem die Frauen und Mädchen; in
manchen Dörfern liegt die Analphabetenquote bei den Frauen bei 90%
· die Menschenrechte sind nur wenigen bekannt, ihre Durchsetzung schwierig;
die indianische Landbevölkerung bildet in Bolivien die unterste soziale
Stufe; ihr Bewusstsein ist geprägt von jahrhunderterlanger Abhängigkeit
und Unterdrückung
· nur wenige befahrbare und nicht asphaltierte Wege verbinden die fünf
größeren Orte Sakaka, Karipuyo, San Pedro, Akasio und Toro-Toro;
die meisten Dörfer sind nur zu Fuß erreichbar und manchmal bis
zu zwei Tagesmärschen von dem nächstgrößeren Ort entfernt
· Trinkwasser gibt es kaum, fließendes Wasser in den größeren
Orten und einem kleinen Teil der Dörfer
· elektrischen Strom gibt es nur in den fünf größeren
Orten
· 95% der Bevölkerung sind Katholiken;
die katholische Kirche ist die einzige Kraft, die sich kontinuierlich und
konsequent für die Interessen der indianischen Landbevölkerung einsetzt
· die Diözese Potosí hat dem baskischen Claretinerorden
die pastorale Arbeit in Norte Potosí übertragen; seit Anfang der
70er Jahre sind hier die Claretinerpadres in fünf großen Pfarrgemeinden
zusammen mit spanischen und einheimischen Kräften tätig.

In
diese Wirklichkeit, die sich so radikal von unserem Leben in Deutschland unterscheidet,
kamen wir – eine Gruppe von vier Personen - im April 2003. Lothar Hickmann
und Walter Steets, die schon seit vielen Jahren in unserem MEF-Kreis mitarbeiten,
besuchten zum ersten Mal Norte Potosí. Trotz vieler Erzählungen,
Bilder und selbst durch persönliche Begegnungen mit Padres, die in der
Misión Norte Potosí arbeiten, waren sie von der Wirklichkeit geschockt.
„So katastrophal haben wir uns die Lebensbedingungen nicht vorgestellt“,
war immer wieder ihr Eindruck. Wir zwei anderen, Ele und Martin Fey, waren bereits
zum vierten Mal dort. Es begann für uns 1983, als wir vermittelt durch
Adveniat erstmalig diese Region besuchten. Was wir damals an Eindrücken
und Erfahrungen mitgenommen haben, hat uns bis heute nicht losgelassen. Und
obwohl wir vieles kannten, machten auch wir neue Erfahrungen.
Auf
den ersten Blick hat sich nicht viel verändert. Wir durchfahren mit dem
Geländewagen hohe Berge und tiefe, enge Täler, sind beeindruckt von
der kargen Landschaft und immer wieder grandiosen Ausblicken. Die Straßen
sind katastrophal wie eh und je. Wir werden durchgeschüttelt und sind dankbar
für jede Pause während mehrstündiger Fahrten durch die Region.
Erstmalig besuchen wir Norte Potosí in dieser Jahreszeit und jetzt fällt
es uns auf: Es gibt mehr Grün, immer wieder sehen wir kleine Felder, auf
denen Mais, Weizen, Gerste oder Kartoffeln wachsen.
Erst
zehn Tage vor unserer Ankunft hat die Regenzeit aufgehört, seit November
hat es – manchmal tagelang – geregnet. Jetzt hat die trockene Jahreszeit
begonnen und vor Oktober oder November wird es keinen Tropfen mehr regnen. In
den meisten Flusstälern fließen schon jetzt nur noch Rinnsale, das
Regenwasser ist längst abgeflossen. Wir sehen die kleinen bewachsenen Felder.
Doch der Begriff „Felder“ nährt eine falsche Assoziation. Diese
Felder sind nicht vergleichbar unseren Weizen-, Mais- oder Kartoffelfeldern
am Niederrhein. Ein Feld ist vielleicht 80 m lang und 50 m breit, liegt in Hanglage,
die einzelnen Weizenhalme stehen lange nicht so dicht wie bei uns. Das kann
sich doch kaum lohnen, mag man denken. Doch ein solches Feld, ein bisschen Mais,
Bohnen und Kartoffeln sichern den Eigenbedarf der meisten Menschen in Norte
Potosí. Für Überschüsse reicht der Boden eh nicht. Denn
neben dem einen Feld ist der Boden felsig, hier wächst nichts. Die einzigen
Flächen, die im steinigen Gebirgsboden genutzt werden können, sind
urbar gemacht. Mehr ist hier nicht möglich.


Wir
sehen Häuser, aus Lehmziegeln gebaut, mit Stroh gedeckt, in einzelnen größeren
Ansiedlungen auch Dächer aus Wellblech. Wie schon seit Jahrhunderten wohnen
die Aymara und Quechua in diesen Häusern, eine Familie teilt sich einen
Raum. Für uns Selbstverständlichkeiten wie Toiletten, fließendes
Wasser oder Strom gibt es nicht. Manchmal gibt es eine Quelle in der Nähe,
dann ist das Wasser einigermaßen sauber. Oft wird das Wasser aus dem nächsten
Fluss genommen, das weiter oben von den Tieren verunreinigt wurde. Wir kommen
aber auch durch kleine Orte, in denen es Wasser gibt, das in einem unterirdischen
Behälter in der Regenzeit gesammelt wurde und nun über eine zentrale
Zapfstelle entnommen werden kann. Kein Trinkwasser, aber einigermaßen
sauberes Wasser.

„Die
Straße ist besser geworden“, erzählt uns Padre Theo auf der
vierstündigen Fahrt von Cochabamba nach Toro-Toro. Zwei von uns gucken
sich entgeistert an: „Wir wussten gar nicht, dass wir auf einer Straße
fahren.“ In Deutschland unvorstellbar, zugelassen höchstens für
Trecker oder Off-Road-Fans, schlängelt sich ein einspuriger Weg über
Berge und durch Flusstäler. An vielen Stellen war während der vergangenen
Regenmonate die Straße durch Geröll- oder Erdrutsche unpassierbar
und ist notdürftig wieder instandgesetzt worden. Manchmal ist der steile
Abhang auf einer Seite so dicht an der Fahrspur, dass wir so gerade eben passieren
können.
Doch
dann kommt die Neuheit: Es gibt eine Brücke über den Rio Caine. Bisher
musste dieser Fluss von jedem durchquert werden, der nach Toro-Toro wollte.
In der Regenzeit war er oft unpassierbar, so dass selbst die Hauptstadt der
zweiten Sektion der Provinz Charcas - das immerhin ist Toro-Toro mit seinen
800 Einwohnern - oft wochen- oder monatelang vom Verkehr abgeschnitten war.
Jetzt gibt es eine Brücke und jetzt wird uns auch klarer, was Theo meinte:
„Die Straße ist besser geworden!“
Die
wirklich beeindruckendsten Veränderungen erwarten uns im Bereich der schulischen
Bildung und Erziehung. Zunächst ein paar Vorinformationen: Das Schulsystem
in Bolivien liegt in staatlicher Hand. Es gibt eine allgemeine Schulpflicht.
Auf die Primaria, die für alle verpflichtend ist (Klassen 1-8) baut die
Secundaria, die freiwillig ist (Klassen 9-12) auf, die mit dem Abitur abschließt.
Schulen für die Klassen 1-3 gibt es in den meisten – auch den kleineren
– Gemeinden auf dem Land, weiterführende Schulen – sog. Núcleos
– in den größeren Orten. Secundarias – auch Colegios
genannt – gibt es in Norte Potosí lediglich in den fünf Hauptorten
Sakaka, San Pedro, Karipuyo, Akasio und Toro-Toro. Die Schulen, vor allem in
den kleineren Orten, sind oft nur schlecht ausgestattet. Lehrerinnen und Lehrer
sind für europäische Verhältnisse mangelhaft ausgebildet und
werden selbst für bolivianische Verhältnisse schlecht bezahlt (Monatsverdienst
unter 100,- US $). Oft üben sie Nebentätigkeiten aus, unter denen
die schulische Arbeit leidet, manchmal sogar ausfällt. In einigen Gebieten
gibt es trotz gesetzlicher Schulpflicht für Kinder keine Möglichkeit
zum Schulbesuch, da für den Besuch der nächstgelegenen Schule ein
stundenlanger Fußweg notwendig wäre. In vielen Schulen findet der
Unterricht nur in Spanisch statt, obwohl viele Kinder von zu Hause aus nur Quechua
oder Aymara sprechen.
In
dieser Situation haben die Claretinerpadres in Zusammenarbeit mit Fé
y Alegria, einer kirchlichen Organisation, die sich in gesamt Lateinamerika
im Bildungsbereich engagiert, die Verantwortlichkeit für die Schulen
in den fünf Hauptorten von Norte Potosí übernommen. Sie kümmern
sich um die Qualifizierung der Lehrerinnen und Lehrer, um kompetente und engagierte
Schulleitungen, um Ausstattung und einen reformorientierten Unterricht, der
zweisprachig stattfindet (Quechua – Spanisch bzw. Aymara – Spanisch).
Auch eine Vorschule (Kinder) wurde eingeführt. Darüber hinaus wurden
Hogares Campesinos (Internate) eingerichtet, so dass sowohl der eigentlich
obligatorische Besuch bis zur 8. Klasse ermöglicht wird als aber auch
der Besuch der Secundaria.


Mittlerweile
existieren in fünf Orten der Misión Norte Potosí Hogares
Campesinos: In Sakaka, San Pedro, Karipuyo, Toro-Toro und Akasio. Derzeit besuchen
ca. 500 Kinder diese Hogares Campesinos. Die Eltern zahlen ca. ein Drittel der
Kosten für die Verpflegung und Unterhaltung in der Regel in Naturalien.
Ein Teil der Lebensmittel wird über sogenannte Huertos escolares (Schulgärten)
erwirtschaftet, in denen u.a. auch Schweine gehalten werden. Ein kleiner Teil
wird über staatliche Zu schüsse
finanziert, der Rest über Spenden.
Während
unseres Aufenthaltes besuchen wir die Schulen und Hogares Campesinos in Toro-Toro,
Akasio und San Pedro. Und jedes Mal sind wir erneut erstaunt über die positiven
Veränderungen, die während der letzten Jahre stattgefunden haben.
Noch vor zehn Jahren fand der Unterricht in Toro-Toro in einer abbruchreifen
Schule statt, 1994 wurde eine neue gebaut, die jetzt schon zu klein ist. Neben
dieser Schule besichtigen wir den Rohbau für eine Erweiterung, für
unsere Verhältnisse einfach, aber architektonisch schön und praktisch.
In Akasio wurde ebenfalls neu gebaut, das Colegio ist dort bereits bezugsfertig.
Und obwohl die Gebäude erst jetzt fertig werden, haben schon in den letzten
beiden Jahren die ersten Jugendlichen in diesen Orten ihr Abitur geschafft.
In den beengten Verhältnissen der alten Schulen fand zum Teil der Unterricht
für die Jüngeren am Vormittag und für die Älteren am Nachmittag
statt. Dies wird sich nun bald ändern. In San Pedro hingegen ist vor allem
die weiterführende Schule dringend renovierungsbedürftig, da zwei
Klassenräume durch ein Erdbeben vor zwei Jahren zerstört wurden. Allerdings
nehmen wir hier einen sehr intensiven Eindruck von den Verbesserungen mit, die
sich im Unterricht bemerkbar machen. Wir begegnen sehr aufgeschlossenen und
engagierten Schulleiterinnen, die sich für eine Reform der pädagogischen
Arbeit stark machen. War es vor einigen Jahren noch üblich, dass alle Schüler
in Reihen hintereinander saßen und frontal unterrichtet wurden, kommen
wir nun in Klassenräume, in denen die Tische im Kreis oder in Kleingruppen
angeordnet sind.
Für
Lehrer wie uns ist dies ein deutliches Zeichen für einen schülerorientierten
Unterricht, der das Kind als Subjekt in den Mittelpunkt stellt und nicht als
Objekt behandelt. Wir erfahren von einer Qualifizierung der Lehrer, die sich
an reformpädagogischer Arbeit ausrichtet. Und wir erleben eine Vorschulklasse,
in der die Kinder zunächst in ihrer Muttersprache Quechua unterrichtet
werden. In der Folgezeit lernen sie dann Spanisch, wobei die gesamte Schulzeit
zweisprachig fortgeführt wird. Dies ist zum einen eine deutliche Aufwertung
des Quechua und sehr wichtig für die Aufrechterhaltung der indianischen
Tradition und das Selbstbewusstsein der Quechua. Zum anderen wissen wir von
der Arbeit mit ausländischen Kindern in Deutschland um die Bedeutung der
Muttersprache, denn nur wer diese gut beherrscht, hat die Voraussetzungen zum
Erlernen einer Fremdsprache.

Neben
den Schulen gilt unser Interesse vor allem den Hogares Campesinos, den Internaten,
von denen aus die Kinder und Jugendlichen die Schule besuchen, die weiter weg
wohnen. Weiter weg heißt Fußmärsche von zwei, sechs oder acht
Stunden Entfernung. Ohne diese Hogares Campesinos wäre der Besuch eines
Colegios, vor allem also der Besuch der letzten vier Schuljahre bis zum Abitur,
für diese Kinder und Jugendlichen gar nicht möglich. 70 Kinder (30
Mädchen und 40 Jungen) besuchen das Hogar Campesino in Toro-Toro, 100 Kinder
(50 Mädchen und 50 Jungen) sind in Akasio und 120 Kinder oder besser Jugendliche
(50 Mädchen und 70 Jungen) in San Pedro. Auffallend ist vor allem der in
den vergangenen Jahren deutlich gestiegene Anteil der Mädchen. Zurückzuführen
ist dies auf die Arbeit der Equipo Misionero – d.h. der Padres und der
anderen Mitarbeiter - für die die Förderung der Mädchen und Frauen
in Norte Potosí ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit ist.

Dieses Projekt bietet
die finanzielle Unterstützung für ein Studium, knüpft dies
aber im Rahmen eines Vertrages an Bedingungen. So
muss vor Aufnahme des Studiums eine einjähriges Volontariat in einer
der Einrichtungen der Misión durch-geführt werden. Nach Beendigung
des Studiums erfolgt dann eine vierjährige Arbeitsphase in einem Projekt
in Norte Potosí. Erst dann ist der oder die Einzelne frei, selbst zu
entscheiden, wie das weitere Leben beruflich gestaltet wird. In allen Hogares
Campesinos, die wir besuchten, begegnen uns Jugendliche bzw. junge Erwachsene,
die im Rahmen dieses Projektes entweder im freiwilligen Jahr mitarbeiten oder
bereits ihr Studium beendet haben und nun in der Leitung des Internats tätig
sind. Sie alle machen einen sehr engagierten Eindruck. Stück für
Stück lösen hier bereits bolivianische Kräfte die Spanier ab,
die bisher in diesem Bereich tätig waren. Dies ist letztlich auch das
Ziel der Arbeit der spanischen Padres: Die Zukunft soll selbstbestimmt in
den Händen der Indios liegen.
Wir
sind mit einer Gruppe von 13 Mädchen und Jungen im Alter von 16-19 Jahren
ins Gespräch vertieft. Die Jugendlichen erzählen von ihren Familien,
vom kargen Leben auf dem Land. Alle kommen aus Familien, die am Existenzminimum
leben. Sie alle, vor allem auch die Mädchen, wissen genau, was sie wollen.
Manche etwas zurückhaltend, andere sehr selbstbewusst, sind froh darüber,
im Hogar Campesino wohnen zu können und fühlen sich hier wohl. Sie
alle möchten ihr Abitur machen und anschließend studieren: Lehrer,
Ingenieur, Ärztin, einer möchte Padre werden. Doch sie wissen auch
– und machen dies im Gespräch deutlich – dass ihre Eltern nicht
die finanziellen Mittel für ein Studium haben. „Wenn ich nicht studieren
kann, werde ich Bauer wie mein Vater“, erklärt ein Junge auf unsere
Nachfrage. Es klingt nicht verbittert oder frustriert, sondern eher wie eine
realistische Einschätzung. Und doch bleibt die Hoffnung auf ein Studium.
Sie ist nicht völlig aus den Wolken gegriffen. Einem Teil der Jugendlichen
eröffnet seit einigen Jahren ein Projekt der Padres die Chance auf einen
Studienplatz.
Am
Abend hören wir Musik aus dem Innenhof des Hogar Campesino in San Pedro.
Neugierig gehen wir hinein. Mehr als hundert Jugendliche haben sich versammelt,
sieben, acht Gitarren spielen, auch Charangos hört man heraus, ab und zu
setzen Flöten ein, es wird gesungen, eine Trommel wird geholt, einige fangen
an zu tanzen. Es herrscht eine ungezwungene, fröhliche Atmosphäre.
Die Ju-gendlichen machen Musik für sich selbst, es ist ihre Musik, es sind
die jahrhundertealten Melodien der indianischen Andenbevölkerung. Sie leben
in ihrer Tradition, sind stolz auf ihre Kultur. Auch dies ist wichtig für
die Identitätsstärkung. Sie sind Quechua oder Aymara, sie unterscheiden
sich von den Mestizen und Weißen, sie haben ihre eigene Geschichte, ihre
eigene Sprache und ihre eigene Kultur.
Nur wer weiß, wo seine eigenen Wurzeln sind, kann an einer Welt mitbauen,
in der alle Menschen einen Platz finden. Dazu passt ein Bild, das wir in allen
Einrichtungen hier finden: Ein quadratisch gewebter Teppich, unterteilt in eine
Vielzahl gleich großer Quadrate. Alle Quadrate haben unterschiedliche
Farben, alle Farben sind vertreten. Dieser Teppich symbolisiert alle Kulturen
dieser Erde, sie sind unterschiedlich in ihrer Ausprägung (verschiedene
Farben), aber sie sind alle gleich bedeutend (gleiche Größe). Keine
Kultur beherrscht die andere – dieses Symbol steht für einen Wunsch,
eine Hoffnung, eine andere Wirklichkeit. Oder christlich aus-gedrückt –
dieses Symbol steht für eine neue Erde, für das Reich Gottes, in dem
Gerechtigkeit herrscht.

In
allen Orten, die wir besuchen, werden uns auch die Huertos escolares, die Schulgärten,
gezeigt. Vor einigen Jahren wurden sie mit finanzieller Unterstützung aus
Deutschland angelegt, um die Essensversorgung in den Hogares Campesinos zu sichern.
Die Fläche dieser Gärten ist für bolivianische Verhältnisse
riesig, der größte den wir sehen, misst sicherlich 200 x 100 m. Hier
wächst alles, was man sich denken kann. Wir sehen auch Gemüse und
Früchte, die traditionell in dieser Region unbekannt sind: Zucchini, Mangold,
Porree, Kohl, Kürbisse, Salate, aber auch Pfirsich- , Limonen und Orangenbäume.
So lernen die Jugendlichen, was mit entsprechender Pflege in dieser Region anbaubar
ist und einer gesunderen und ausgewogeneren Ernährung dient.

Auch
Schweine finden wir in diesen Gärten. In Akasio wird der Schulgarten Machu
Pichu genannt – in Anlehnung an die Terrassengärten in der weltbekannten
peruanischen Inkafestung. Denn ohne eine Terrassierung des Geländes würde
der gesamte Garten in der Regenzeit wegschwimmen, da das Gelände so steil
ist. Die Anlage dieser Gärten muss eine gewaltige Anstrengung gewesen sein,
wenn man sich vorstellt, dass hier ursprünglich nur ein geröllbesetzter
Berghang gewesen ist. Große Maschinen sind hier nicht einsetzbar –
mit Hacke und Schaufel wurde das gesamte Gelände bearbeitet. Aber es hat
sich gelohnt, wie so vieles, was uns hier in Norte Potosí begegnet. Die
Essensversorgung für die Kinder in den Hogares Campesinos ist nun weitgehend
autark gesichert.
„Wir
leben in einer großen Familie!“ Diesen Ausspruch hören wir
immer wieder in den Internaten. Und so sind auch alle Kinder und Jugendlichen
mitverantwortlich für das Zusammenleben. Alle übernehmen Aufgaben
für die Gemeinschaft, alle arbeiten mit: In der Küche, beim Sauberhalten,
beim Brotbacken, im Schulgarten... Bis auf die Leitung, eine Köchin und
einen Hauptverantwortlichen für den Schulgarten gibt es keine Angestellten
in den Hogares Campesinos. Wir haben den Eindruck, dass sich auch alle wohlfühlen.
Trotzdem fragen wir nach: „Fehlt euch nicht eure Familie, vermisst ihr
nicht eure Eltern und Geschwister?“ Die Antwort klingt rational, doch
die Art und Weise, in der sie zum Ausdruck kommt, überzeugt: „Uns
geht es hier gut, besser als zu Hause. Wir haben hier eine Familie. Und wir
können hier die Schule besuchen.“ Bei uns in Deutschland wären
wir skeptisch, doch in dieser so anderen Wirklichkeit in Norte Potosí
ist die Aussage glaubwürdig. Die Kinder und Jugendlichen haben den Schlafplatz
auf dem Boden ihrer häuslichen Lehmhütte getauscht gegen ein Bett
in einem 30-Personenschlafraum, sie bekommen jeden Tag eine gesunde und ausreichende
Ernährung, sie leben statt in der kleinen in einer großen Familie
und sie freuen sich, in einer Schule lernen zu können. Wir sind wirklich
in einer anderen Welt...
Doch
auch in dieser anderen Welt gibt es noch viel zu tun. 500 Kinder in den Internaten
der Misión Norte Potosí sind weniger als 1% der schulpflichtigen
Kinder in dieser Region. Die Arbeit der Padres stößt an die Grenzen
dessen, was von der Kirche leistbar ist. Sie haben ein Aufbauwerk begonnen,
das konkret deutlich macht, wie eine Entwicklung in dieser Region unter Berücksichtigung
der Interessen der Landbevölkerung fortgeführt werden kann. Verantwortlich
ist letztlich der bolivianische Staat. Seit einigen Jahren sind Verbesserungen
zu beobachten.
Gesetzesveränderungen
zu Gunsten der Landbevölkerung lassen seit Mitte der 90er Jahre Finanzmittel
auch in die örtlichen Verwaltungen nach Norte Potosí fließen.
Nach und nach werden jetzt auch Gelder in den Ausbau der Schulen und die Qualifizierung
der Lehrer auf dem Land gesteckt. Doch die Entwicklung schreitet sehr langsam
voran. Mangelndes Bewusstsein für Prioritäten seitens der politisch
Verantwortlichen, parteipolitischer Streit und weitverbreitete Korruption verhindern
eine zügige Entwicklung. Die Hoffnung steckt in der Jugend des Landes.
Die Padres haben auch ein Auge auf mögliche zukünftige Führungskräfte,
die heute noch ihre Schulen und Internate besuchen und die später einmal
gut vorbereitet politische Aufgaben übernehmen können und dabei den
Interessen der Landbevölkerung dienen.
Die
Padres – immer wieder ist von ihnen die Rede. Was tun sie nicht alles,
an was denken sie nicht alles... Sie sind verantwortlich für die Schulen
und Internate in den fünf Hauptorten, jeder von ihnen betreut zwischen
70 und 120 Gemeinden, die zum größten Teil nur fußläufig
in stundenlangen Märschen erreichbar sind, sie organisieren die Alphabetisierung
und Förderung der Frauenarbeit, organisieren Gelder für ihre Arbeit,
arbeiten mit verschiedensten Entwick-lungsorganisationen in den Bereichen der
medizinischen Versorgung, der Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsmethoden,
der Wasserversorgung und der Infrastrukturentwicklung zusammen, koordinieren
diese Aktivitäten gemeinsam mit den politisch vor Ort Verantwortlichen
und vieles andere mehr. Sie selbst leben in einfachen Verhältnissen: Küche,
Schlafraum, manchmal noch ein Arbeitszimmer. Ihr einziges technisches Hilfsmittel
ist der Geländewagen, doch ohne den könnten sie ihre Arbeit kaum erledigen.
Unterwegs auf dem Lande dient der Wagen oft als Bett für die Nacht, denn
bei den Besuchen in den entfernt gelegenen Gemeinden bleibt sonst nur der Schlafplatz
auf dem Boden einer Lehmhütte.
Sie alle prägt eine Parteilichkeit für die Aymara und Quechua in Norte
Potosí, sie leben die vorrangige Option für die Armen, die lateinamerikanische
Befreiungs-theologie. Sie alle verbindet eine Kraft, die wohl nur aus dem Glauben
erklärlich ist, aus der Nachfolge eines Jesus von Nazaret, aus der Hoffnung
auf das Wachsen des Reiches Gottes in dieser Welt.
Wir
haben die Gastfreundschaft der Menschen in Norte Potosí erleben dürfen
– die herzliche Aufnahme in ihre einfachen Häuser, das Essen, das
sie mit uns teilten, die Zeit, die sie sich für uns nahmen. Uns wurde gedankt
und wir wurden geehrt durch Feiern und in Gottesdiensten, durch indianische
Musik und Tänze, durch Geschenke indianischer Kunst und Kleidung. Der Abschied
fiel uns schwer – die Menschen waren uns nahe gekommen. Doch wir werden
wiederkommen.
Und
wir nehmen einiges mit: Wie vieles von dem, was uns in Deutschland oft wichtig
ist, wird relativ verglichen mit den Problemen in Norte Potosí. Diese
Aussage mag banal und selbstverständlich klingen. Doch entscheidend ist,
ob wir bereit sind, unser Leben und die Schwerpunkte, die wir setzen, zu überdenken
und neu zu gewichten. Welche nichtmateriellen Werte leben wir? Wie glücklich
und zufrieden sind wir mit unserem Leben? Wie wirkt sich unser Glaube auf unser
Leben aus?
Der Grundgedanke der
Partnerschaft zwischen der Kirchengemeinde St. Marien in Oberhausen und der
Misión Norte Potosí ist das Lernen voneinander und das Teilen
miteinander. Als Menschen verschiedener Kulturen und Lebensstandards tragen
wir in Einer Welt Verantwortung füreinander. In diesem Sinne kommen wir
dankbar und gestärkt aus Norte Potosí zurück in der Überzeugung,
dass es sich lohnt, die Unterstützung für die Menschen dort fortzuführen
und dass der Besuch wichtig war für beide Seiten. Und wir werden nach
den erneuten Erfahrungen unseres Besuches weitermachen, wir werden die Padres
in ihrer unglaublich harten, aber auch erfolgreichen Arbeit weiter unterstützen,
damit zumindest an dieser einen Stelle der Welt Menschen einen Weg finden,
der sie aus Armut und Benachteiligung führt.
Martin Fey