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Bolivien-Tagebuch von Ele und Martin Fey 2006

Teil 2 vom 20.-23.7.06

20.7.06 – Cochabamba

Heute Morgen beim Frühstück erwartete uns eine neue Besucherin: Celia, eine 24-jährige Lehramtsstudentin, war gestern spät in der Nacht mit dem LKW von San Pedro aus nach Cochabamba gekommen. Vor dieser Fahrt war sie zwölf Stunden von ihrem Heimatort Micani bis nach San Pedro gelaufen. Heute Morgen war sie schon wieder ganz frisch und machte sich mit uns auf den Weg zu einem Besuch auf einem der größten Märkte in Bolivien, der hier in Cochabamba täglich geöffnet hat. Hier gibt es alles, was man sich nur denken kann: Lebensmittel und Kleidung, lebende Tiere, Elektroartikel und vieles andere mehr. Am Nachmittag wollten wir zunächst das Haus des ehemaligen Zinnbarons Patiño besuchen, haben dann aber doch die Zeit am Computer verbracht und die ersten Tagebucheintragungen ins Netz gestellt.

21.7.06 – Cochabamba

Einiges zum Haus, in dem wir wohnen, der „Residencia Corazon de Maria“: Das Haus ist Anlaufstelle in Cochabamba für alle Mitarbeiter der Equipo Misionero, für Laien wie für Padres. Wer von den Mitarbeitern aus der Misión Norte Potosí zu Besuch in Cochabamba ist, kann hier übernachten, wird verpflegt, kann das Internet nutzen etc. Dass dies genutzt wird, merken wir: So begegnen wir dem heutigen Internatsleiter von San Pedro und der ehemaligen Leiterin, Mary Luz.

Außer den beiden Padres sind hier im Haus zur Zeit neun junge Frauen und zwei junge Männer untergebracht, die alle aus Norte Potosí stammen, dort die Hogares Campesinos (Internate) besucht haben, dann ein Jahr lang ein Voluntariat in einem anderen Hogar Campesino gemacht haben und jetzt hier wohnen und in Cochabamba studieren. Die beiden jungen Männer studieren Agrarwirtschaft, die Frauen studieren alle an der kath. Universität, um Lehrerin zu werden. Insgesamt stehen für maximal 20 junge Leute Plätze zur Verfügung, so dass für die Zukunft noch Plätze frei sind.

Interessant ist, wie das Zusammenleben organisiert ist: Alle Räume im Haus sind offen und für jeden nutzbar, selbstverständlich auch die Küche samt Kühlschrank, Lebensmitteln und Getränken. Luis Mary achtet darauf, dass immer alles vorhanden ist. Jeder achtet darauf, dass er Ordnung hält, z.B. spült jeder im Laufe des Tages immer direkt das, was er gebraucht hat. Das Mittagessen kocht eine Köchin, morgens und abends gibt es feste Dienste, die die Mahlzeiten vorbereiten. Dieses System vereinfacht nicht nur das Zusammenleben, sondern fördert auch das Mittun und die gemeinsame Verantwortung aller in solch einem Haus, in dem es außer der Köchin keine weiteren Hilfskräfte gibt.

Erste Eindrücke zur politischen Situation in Bolivien gewinnen wir aus der Tageszeitung und Gesprächen: Evo Morales, der erste indigene Präsident Boliviens, hat in diesen Tagen das erste Halbjahr seiner Amtszeit hinter sich. Insgesamt schneidet er in den Presseveröffentlichungen ganz gut ab. Aktuell gibt es zur Zeit Gespräche mit der chilenischen Regierung, um Bolivien einen Zugang zum Meer zu gewähren. Es scheint hier eine Offenheit für diese Frage seitens der neuen chilenischen Präsidentin zu geben. Für Bolivien ist dieser Zugang einerseits ökonomisch interessant, andererseits brächte ein Durchbruch in dieser Frage Morales enorme Zustimmung in der bolivianischen Bevölkerung, denn seit dem Salpeterkrieg mit Chile 1884 wurde Bolivien vom Meer abgeschnitten. Es gab Jahrzehnte lang wegen dieser Frage keine diplomatischen Beziehungen mit Chile und alle Regierungen Boliviens haben immer wieder den Zugang zum Meer in ihre politischen Forderungen aufgenommen.

Auseinandersetzungen gibt es aktuell im Schulbereich zwischen der Regierung und der katholischen Kirche Boliviens. Der für diesen Bereich zuständige Minister möchte eine Trennung von Staat und Kirche in den bolivianischen Schulen durchsetzen. So soll der traditionell rein katholische Religionsunterricht auch für andere Religionen angeboten werden, es soll keine nur katholische Wertevermittlung stattfinden und der verbindliche Gottesdienstbesuch soll ebenfalls abgeschafft werden. In Deutschland würde sich über diese Forderungen niemand aufregen, sind sie doch seit langem Praxis. Hier in Bolivien ist die Situation etwas anders: Die kath. Kirche hält in weiten Teilen des Landes das Schulsystem aufrecht, da der Staat dazu bisher nicht in der Lage war. Schulen in kirchlicher Trägerschaft sind – zum Beispiel in der gesamten Region von Norte Potosí – die einzigen Schulen, die es überhaupt gibt. Insofern pocht nun die kath. Kirche auf ihr Recht festzulegen, was über die staatlichen Unterrichtsinhalte hinaus in den kirchlichen Schulen an Werten vermittelt wird. Besondere Brisanz erhält die Diskussion vor dem Hintergrund, dass in Kürze Wahlen zu einer Versammlung stattfinden, die eine neue Verfassung verabschieden soll. Vor diesem Hintergrund gewinnt die aktuelle Diskussion um die Rolle von Kirche und Staat im Schulbereich eine besondere Bedeutung.     

Oruro – 22.7.06

Heute Morgen haben wir uns in Cochabamba in einen Bus gesetzt, um nach Oruro zu fahren, wo wir uns um 15.00 Uhr mit Jesús Mary treffen wollten, um dann gemeinsam nach Karipuyo, unserem eigentlichen Ziel in der Misión Norte Potosí zu fahren. Doch – wie so manches hier in Bolivien – verlief auch dieses an für sich unspektakuläre Ereignis anders als geplant. Zunächst einmal ging es über Serpentinenstrecken immer höher bis auf eine maximale Höhe von etwas über 4400 m. Wir hatten grandiose Aussichten. Der Bus legte ein zügiges Tempo vor, das zahlreiche Überholmanöver einschloss. Etwas unruhig wurden wir, nachdem wir eine Unfallstelle passierten: Ein mit Campesinos beladener LKW hatte bergabfahrend in einer Kurve einen Bus gestreift und war dann auf der Straße umgekippt.  Auf der Weiterfahrt fühlten wir uns dann doch ein wenig mulmig, zumal unser Fahrer seine zügige Fahrweise nicht änderte. Wir kamen dann allerdings erst um 16.30 Uhr in Cochabamba an und Jesús Mary war nicht wie verabredet dort. Wir landeten dann bei bolivianischen Schwestern und Jesús Mary kam wegen einer Autopanne erst um 20.30 Uhr mit dem Bus in Oruro an. Sein Jeep steht ca. 50 km vor La Paz. Da an eine Weiterfahrt nicht zu denken war, nahmen wir uns ein Hotel. Oruro ist nicht nur für den Karneval bekannt, sondern auch als kälteste Stadt Boliviens. Obwohl sie auf „nur“ 3600 m liegt, wird es hier vor allem nachts kälter als in den höhergelegenen Städten La Paz und Potosí. In den letzten Nächten lag die tiefste Temperatur bei –17°C. Nachdem hier – wie in Bolivien üblich – pünktlich um 18.00 Uhr die Sonne untergegangen war, wurde es im Haus schnell kalt. Da Heizungen hier unbekannt sind, bleibt dann nur warme Kleidung.

La Paz – 23.7.06

Am heutigen Sonntag feierten wir um 8.00 Uhr im Haus der Schwestern in Oruro einen Gottesdienst. Jesús Mary nahm unseren Aufenthalt mit in die Fürbitten auf. Es gibt etwas, das uns hier alle verbindet, ganz gleich, ob wir uns schon lange kennen oder gerade erst kennengelernt haben...

Danach starteten wir – d.h. Jesús Mary, ein Toyota-Autotechniker mit Begleiter, Ele und ich – in einem von einem Hospital geliehenen Jeep von Oruro Richtung La Paz, um den in einem Hinterhof abgestellten Jeep von Jesús Mary wieder fit zu machen. Nach ca. zweieinhalbstündiger Fahrt erreichten wir den Jeep und kurze Zeit später wurde dann festgestellt, dass sich lediglich ein Kabel gelöst hatte. So konnte der Techniker mit dem geliehenen Ambulanzjeep wieder nach Oruro fahren und wir machten uns auf den Weg ins nahegelegene La Paz. Jesús Mary hat hier am morgigen Montag einen Termin beim Minister für das Erziehungs- und Schulsystem. Wir haben uns nun hier in einem Hotel einquartiert und sind entgegen der ursprünglichen Planungen immer noch nicht in Norte Potosí. Aber so ist das nun mal in Bolivien – meistens kommt alles anders als geplant. Gut, dass wir Zeit haben und keine festen Termine...