Bolivien-Tagebuch von Ele und Martin Fey 2006
Teil 4 vom 31.7.- 7.8.06
Karipuyo – 31.7.06
Am Samstag sind wir nach dem Mittagessen nach Sakaka gefahren. Juana hatte hier während der Semesterferien im Internat geholfen und fährt von Sakaka aus nach Cochabamba zurück. So machten sich Jesús Mary, Ele, César und zwei Internos mit mir auf den Weg. Ich fuhr den Hinweg – ein Novum, das aber ganz gut funktionierte. Der Weg von Karipuyo nach Sakaka ist neu (d.h. er existiert seit gut vier Jahren), kilometermäßig handelt es sich um 46 km, aber aufgrund der Straßenverhältnisse waren wir eindreiviertel Stunde unterwegs. Den Rückweg schaffte Jesús Mary dann in eineinhalb Stunden. In Sakaka lernten wir Padre Joseba kennen, der seit knapp einem Jahr hier tätig ist, außerdem Maite, die als Freiwillige aus dem Baskenland für drei Monate hier mitarbeitet. Wir besichtigten das Internat, wo wir uns in sechs Gruppen vorstellten und mit Fragen bombardiert wurden. Stück für Stück wird uns die spanische Sprache wieder geläufiger, das Verstehen gelingt in der Regel ganz gut, das eigene Sprechen wird auch nach und nach besser. Wenn die Träume Spanisch werden, heißt es, ist man drin...
Zurück in Karipuyo gingen wir direkt ins Internat, wo schon alle auf uns gewartet hatten (was wir nicht wussten, weil uns keiner informiert hatte). In fünf verschiedenen Gruppen hatten die Internos über mehrere Wochen an verschiedenen Themen gearbeitet, die am heutigen Abend vorgestellt wurden. Es gab drei Musikgruppen, eine Power-Point-Präsentation und ein Schattenspiel. Alle Aufführungen waren sowohl inhaltlich als auch von der Vorstellung her sehenswert. Wir wurden (auch das kam überraschend) in die Jury berufen, der außer uns der Direktor der Schule, ein Lehrer, ein Mitarbeiter und Jesús Mary angehörten, und hatten die Aufgabe, alle fünf Vorstellungen in eine Rangfolge zu bringen. Wir gaben uns alle Mühe und durften dann auch noch Preise verleihen. Aber, so kommen wir nach und nach auch mitten hinein und stehen nicht nur am Rand...
Am Sonntag fand um 10 Uhr zunächst ein Gottesdienst in der gutgefüllten Kirche in Karipuyo statt. Inhaltlich ging es um den Evangelientext der Brotvermehrung: Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt. Jesús Mary brachte dies in Zusammenhang mit der aktuellen politischen Situation in Bolivien: Wenn alle miteinander arbeiten und miteinander teilen, wenn alle nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, dann ist ein neues Bolivien möglich. Schon seit wir hier sind, spüren wir überall im Land einen Aufbruch, eine Veränderung, die in der Luft liegt. Evo Morales, seit Jahresanfang bolivianischer Präsident, hat eine Versammlung initiiert, die eine neue Verfassung für Bolivien entwerfen soll. Alle Volksgruppen sollen vertreten sein, alle Interessen berücksichtigt werden. Am kommenden Sonntag, dem 6. August, dem bolivianischen Nationalfeiertag, soll diese Asemblea Constituyente in der bolivianischen Hauptstadt Sucre erstmalig zusammenkommen. Die Hoffnungen der Bolivianer auf ein neues Bolivien konzentrieren sich zur Zeit auf diese Versammlung. Zu spüren ist dies überall: In den Städten Cochabamba, La Paz und Oruro gab es überall Hinweise, Kundgebungen und Zeitungsberichte zu diesem Thema, selbst hier in der abgelegenen Andenregion von Norte Potosí ist dies Thema: Ob in Schule oder Internat, in Gesprächen mit Lehrern oder Mitarbeitern der Misión, überall spürt man die Bedeutung und die Wichtigkeit, überall wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass Bolivien nun endlich auf dem Weg ist, neu und anders zu werden – und das unter Beteiligung und zum Vorteil aller Bolivianer und nicht nur einer kleinen Elite.
Nach dem Gottesdienst fuhren wir mit Jesús Mary nach Oruro. Dort waren wir mit Wilfran verabredet, Sandras Mann, der nach vier Wochen Arbeit in verschiedenen Teilen der Misión Norte Potosí nun endlich nach Hause zurückkommt. Wir fuhren mit, um ins Internet zu gelangen. Doch auf dem Weg blieb der Jeep erneut liegen, der Motor sprang nicht mehr an: Eine Sicherung war durchgebrannt. Doch auch die Ersatzsicherung brannte sofort durch. Die Benzineinspritzung funktionierte nicht. Glücklicherweise fanden wir den Fehler: Ein Kabelstrang hatte sich an der Karosserie durchgescheuert und einen Kurzschluss verursacht. Nachdem wir ihn mit Isolierband umwickelt hatten, brannte auch die Sicherung nicht mehr durch und wir konnten weiterfahren. Das Ganze dauerte eine Stunde und wenn wir nicht das Glück gehabt hätten, auf den Fehler zu stoßen, hätten wir ordentlich laufen können. Kein Handy, kein Auto weit und breit... In Oruro verabschiedeten wir dann Jesús Mary, der mit dem Autobus nach Cochabamba weiterfuhr, um dort einiges zu erledigen, und fuhren mit Wilfran nach Karipuyo zurück, wo wir um 20 Uhr wieder eintrafen. Ganz schön aufwändig, um mal eben ins Internet zu kommen, aber so ist das hier nun mal... Aber auch auf den Fahrten gibt es immer wieder was Neues zu sehen und außerdem nutzten wir die Rückfahrt zur Unterhaltung mit Wilfran, den wir vorher noch gar nicht kennengelernt haben. Er stammt aus Akasio, hat dort und in San Pedro die Schule besucht und anschließend in Cochabamba Jura studiert. Nun arbeitet er in der Equipo Misionero mit. Zur Zeit kümmert er sich um den Aufbau von „Meldestellen“, wie man diese Einrichtungen bei uns nennen würde. In allen Hauptorten der Region Norte Potosí können zukünftig die Einwohner Geburtsurkunden erhalten und werden Änderungen zum Personenstand aufgenommen. Da es in Bolivien keinen Personalausweis oder vergleichbaren Identifizierungsnachweis gibt, ein derartiger Nachweis aber bei allen möglichen Gelegenheiten verlangt wird, war es bisher nötig, dass die Campesinos bis zur Hauptstadt des Departementos, nach Potosí, fahren mussten – immerhin mehr als 300 km entfernt. Heute haben wir Wilfrans Büro hier in Karipuyo besucht, ein großer Raum im Gebäude der Alcaldía, der Gemeindeverwaltung, ausgestattet mit einem Computer, der wiederum ein Verzeichnis aller Einwohner Boliviens hat. Der einzige Nachteil ist zur Zeit noch, dass Wilfran Datenänderungen nicht selber eingeben kann, sondern dies nur in Potosí geschehen kann. Also muss er in regelmäßigen Abständen mit dem Computer dorthin fahren. Aber vielleicht gibt es ja in absehbarer Zeit einen Internetzugang in Karipuyo, der würde auch diese Fahrerei unnötig machen.
Am Montag waren wir in der CETHA, dem Centro für alternative Erwachsenenbildung. Eine Gruppe von Frauen, zum Teil mit Kleinkindern, trifft sich alle 14 Tage montags und dienstags. Allen gemeinsam ist die fehlende Schulzeit. Hier lernen sie nun lesen, schreiben und rechnen und grundlegende Bildung zu Gesundheit, Hygiene und sozialem Gemeinwesen. Den Kurs leiten Marco und César. Die Frauen waren sehr interessiert, wer wir sind und woher wir kommen und fragten uns Löcher in den Bauch zum Leben in Deutschland. Die meisten von ihnen sind noch nie über ihr Dorf und Karipuyo hinaus gekommen, kennen in Bolivien noch nicht einmal nahegelegene Großstädte wie Oruro oder Cochabamba. Wir gaben uns alle Mühe, ihnen ein wenig vom völlig anders gearteten Leben in Deutschland zu vermitteln. Am Nachmittag war Ele noch mal in der Gruppe. Die Frauen beschäftigten sich dann mit unterschiedlichen Handarbeiten: Stricken, häkeln und nähen. Hierzu gab es Anleitungen und entsprechendes Material wie Nähmaschinen u.a.

Ganz nebenbei führen Ele und ich mittlerweile hier in Karipuyo einen Kopierladen: Der Kopierer, der für die Arbeit der Misión hier steht, darf auch gegen Bezahlung von der Öffentlichkeit genutzt werden. Ständig kommen Leute zum Kopieren: Campesinos mit einem amtlichen Papier, Lehrer und Kinder der Schule mit Unterrichtsmaterialien, Wilfrans Helfer mit Vordrucken von Geburtsurkunden etc. Da nicht immer jemand zum Kopieren bereit steht, da alle hier genug zu arbeiten haben, kümmern wir beide uns zwischendurch darum.
Karipuyo – 2.8.06
Einen Teil unserer Zeit verbringen wir mit normalen Alltagsdingen: Wir waschen unsere Wäsche (mit der Hand), kochen hin und wieder auch mal deutsches Essen für unsere Kleingruppe (Sandra, Wilfran, César, Marco, Jesús Mary und uns) – heute gab es Sauerbraten mit Semmelklößen und Apfelmus (nichts davon war hier bekannt) – arbeiten am Computer usw.

Gestern fuhren wir mit Sandra und Wilfran in eine kleine Comunidad, wo wir eine Schule besichtigten. Die Schule selbst war relativ neu und auch von innen gar nicht schlecht ausgestattet. Einen ganz anderen Eindruck machten allerdings die Kinder: Ihnen sah man die Armut und die mangelnde Hygiene an. Als wir kamen, war gerade Mittagszeit und die Kinder saßen mit ihren Tellern draußen auf dem Boden und aßen. Auf dem Rückweg hielten wir bei einigen Campesinos, die gerade mit der Aufarbeitung ihrer Ernte beschäftigt waren: Mit speziellem Schuhwerk und Eseln wurde zunächst das Getreide zerkleinert, dann wurde mit Hilfe des Windes die Spreu vom Weizen getrennt. Eine mühsame Arbeit! Wie wenig bleibt letztlich von einem Berg Getreide übrig! Und da die Felder klein sind, gibt es nicht viele Getreideberge. In der Regel reicht es so gerade zum Überleben, einen Überschuss erwirtschaftet hier kaum einer.

Karipuyo – 4.8.06
Gestern nutzten wir erneut die Gelegenheit, um mit nach Oruro zu fahren, um dort ins Internet zu gelangen. Was für ein Tag! Wilfran, Sandra, Marco, Ele und ich fuhren um 8.15 h in Karipuyo los. Ziel war zunächst Llallagua, weil Sandra dort mit ihrer Mutter zur Augenoperation musste. Doch auf halbem Weg hatten wir zunächst einmal eine Reifenpanne. Nach dem Radwechsel fuhren wir dann nach Llallagua, wo wir den defekten Schlauch flicken ließen und das Rad wieder gewechselt wurde. Außerdem verabschiedeten wir Sandra. Auf der Weiterfahrt nach Oruro zeigte uns Wilfran dann einen neuen Weg, der über das Zinngebiet von Huanuni führte. Der Dreck und die Verschmutzung dort waren sehr extrem. Von Huanuni bis Oruro fuhren wir dann auf einer asphaltierten Strecke. Hier merkte Wilfran dann, dass das Lenkrad bei ca. 80 km/h enorm zu vibrieren anfing. Ich tippte auf eine Unwucht der vorderen Räder. Gegen 13.00 h erreichten wir dann Oruro, gingen etwas essen, besuchten dann ein Internetcafé und gingen dann einkaufen. Vorher hatten wir den Jeep zur Toyota-Werkstatt gebracht: Das Problem mit der Lenkung sollte untersucht werden, der Kabelstrang von der letzten Panne sollte erneuert werden, ein Lampenbirnchen war defekt und bei der Gelegenheit sollte der Wagen einer Inspektion unterzogen werden. Im Laufe des weiteren Tages ergaben sich mehrere Probleme, die zu lösen waren: Einkaufen in Oruro ist lange nicht wie einkaufen in Europa. Wir hatten zwar eine Liste der zu kaufenden Sachen mitgenommen, aber es gibt in ganz Oruro nicht einen einzigen Supermarkt. Es gibt auch keine Lebensmittelgeschäfte. Dafür besteht die halbe Stadt aus Straßenständen und Märkten. Bei aller äußerlicher Unordnung gibt es hier ein System: So gibt es Straßenzüge für Obst, andere für Gemüse, wieder andere für Küchenutensilien, Werkstattbedarf usw. Wir mussten in zig verschiedene Straßenzüge, was bei nachmittäglichem Verkehr in Oruro sehr zeitaufwändig ist. Außerdem kauften wir nicht nur ein paar Kleinigkeiten: Unter anderem brauchten wir 12 kg Zwiebeln und 12 kg Möhren. Da unser Auto in der Werkstatt stand, organisierten wir uns zwischendurch ein Taxi, um schon mal einen Teil der Einkäufe wieder zum Wagen zu bringen. Die letzten Einkäufe waren um 19.00 h am Abend erst erledigt. Das zweite Problem war der Wagen: Die Toyota-Werkstatt konnte zwar einen Teil der Defekte in Ordnung bringen, das Vibrieren der Lenkung allerdings konnten sie nicht lösen. Die Lenkung sei in Ordnung, es könnte also nur an den Rädern liegen. Also mussten wir dann noch eine Reifenwerkstatt aufsuchen. Mittlerweile war es dunkel geworden, so dass absehbar war, dass die gesamte Rückfahrt im Dunkeln stattfinden musste. Die Reifenwerkstatt kontrollierte die Vorderreifen und stellte Unwuchten fest. Bei einem Rad konnte diese mit Gewichten ausgeglichen werden, beim anderen war die Felge durch die schlechten Wege so beansprucht worden, dass sie erneuert werden musste. Also wurde vom Reserverad die Felge auf ein Vorderrad aufgezogen. Dann sammelten wir Jesús Mary ein, der von Besuchen in Cochabamba und Potosí zurückgekehrt war, nahmen noch zwei junge Burschen mit und machten uns dann mit insgesamt sieben Personen und bergeweise Gepäck und Einkäufen auf den Rückweg. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt – in Dunkelheit über zum Großteil einspurige Feldwege an steilen Abhängen vorbei und durch Flusstäler – erreichten wir dann gegen 22.45 Uhr zum Glück wohlbehalten Karipuyo. Was für ein Tag!
Karipuyo – 7.8.06
Am Wochenende war in ganz Bolivien Fiesta, da der 6. August Nationalfeiertag ist. Die Feierlichkeiten begannen in Karipuyo am Freitag Abend: Weit über 300 Menschen versammelten sich im überfüllten Versammlungsraum des Ortes, um dort die Aufführungen der Schülerinnen und Schüler zu verfolgen. Alle Klassen der Schule, von den Vorschulkindern bis zur Abschlussklasse der Abiturienten, hatten eine kleine Vorführung zu Ehren der bolivianischen Nation vorbereitet. Wir bekamen Ehrenplätze: Zusammen mit den Honoratioren der Gemeinde saßen wir in der ersten Reihe, selbstverständlich wurden wir auch begrüßt und vorgestellt. Beginnen sollte die Veranstaltung um 19.00 Uhr, doch als wir gegen 19.15 Uhr dort eintrafen, war der Raum noch fast leer. Kurz vor 20.00 Uhr begannen dann die Aufführungen, die letztlich bis gegen 1.00 Uhr in der Nacht dauerten (an anderer Stelle demnächst ein wenig zum Thema „Hora boliviana“ (bolivianische Uhrzeiten). Auch wenn das Ganze sehr lange dauerte, waren die meistenVorführungen gar nicht schlecht gemacht. Es gab vor allem viel Musik und Tänze aus allen bolivianischen Departamentos, aber auch Sketche. Besonders hervorzuheben waren nach unseren Eindrücken die Aufführungen der Grundschüler und die der Lehrer. Das Lehrerkollegium der Schule hatte zu dieser Veranstaltung erstmalig in Karipuyo eingeladen, führte durch das Programm, hatte Karten für Sitzplätze verteilt, Essen und Trinken für zwischendurch organisiert und natürlich mit den Kindern das Programm vorbereitet. Selbstverständlich war dann auch noch die aktive Mitarbeit auf der Bühne durch eigene Darbietungen wie Tänze und Sketche. Das Engagement der Lehrer ist hier sicherlich erwähnenswert und vorbildhaft.
Am Samstagabend wurden die Feierlichkeiten fortgeführt, wieder von der Schule organisiert. In der Dunkelheit versammelten sich alle Kinder und Jugendlichen mit ihren Lehrern außerhalb des Ortes. Alle hatten Laternen mit Motiven und Farben Boliviens gebastelt, die dann angezündet wurden. Mit musikalischer Begleitung einer Blaskapelle fand dann unter Beteiligung aller Einwohner und zahlreicher Gäste aus der näheren Umgebung ein Umzug durch den ganzen Ort statt. Uns erinnerte das Ganze ein wenig an die Martinszüge bei uns – aber diese Tradition ist hier unbekannt.
Am Sonntag kam dann der Höhepunkt der Fiesta: Zunächst versammelten sich wieder alle Schulklassen und alle Honoratioren Karipuyos außerhalb des Ortes zu einem Umzug. Marschiert wurde wieder unter Begleitung der Blaskapelle. Nachdem fast alle Straßen Karipuyos durchquert waren, mündete der Zug auf der Cancha, dem großen Schulhof, der gleichzeitig als Fußballplatz dient. Dort war ein Altar zu Ehren Boliviens errichtet worden: Man sah die Daten der Staatsgründung sowie Bilder von den Befreiern Bolivar und Sucre. Natürlich wehte auch überall die Nationalflagge. Neben dem Singen der Nationalhymne wurden nun mehrere Reden gehalten, dann defilierten alle Schulklassen sowie sämtliche relevanten Gruppen außer den kirchlichen (Gemeinderat, Krankenhausmitarbeiter, Lehrerkollegium) unter musikalischer Begleitung am Altar vorbei. Auch dieses Ereignis dauerte einige Stunden. Der Patriotismus der Bolivianer ist sicherlich sehr stark ausgeprägt, in Deutschland ist das in dieser Form wohl kaum vorstellbar. Es war wieder einmal der Vertreter der kath. Kirche, der als Einziger in seiner Rede auch einige kritische Worte fand: Jesús Mary erinnerte daran, dass die bolivianische Unabhängigkeit auch fast 200 Jahre später noch immer nicht alle Bolivianer erreicht hat, dass zum Beispiel die große Mehrheit der Aymara und Quechua noch immer in Abhängigkeit und Armut leben und dass deshalb noch immer viel zu tun sei und der Blick nicht nur in die Geschichte, sondern auch nach vorne gerichtet werden müsse.

Vor ein paar Tagen haben wir hier eine alte Tischtennisplatte gefunden. Sie entspricht zwar nicht ganz unseren europäischen Ansprüchen, doch man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Begeisterung die Kids jetzt Tischtennis lernen. Ele und ich haben überlegt, dass ein Kicker wohl auch ganz gut ankommt. Mal sehen, wob es in Oruro oder Cochabamba einen Kicker zu kaufen gibt – den stiften wir dann gerne.
Un otro mundo – eine andere Welt, das stellen wir hier immer wieder fest. Uns fällt auf, dass der Sinn für das Gemeinschaftliche sowie die Verantwortung für das Wohl aller hier sehr stark ausgeprägt sind. Im Internat beobachten wir einen sehr positiven Umgang der Kinder und Jugendlichen untereinander, obwohl die Rahmenbedingungen hier eher kontraproduktiv sind. 96 junge Menschen, Mädchen und Jungen zwischen 13 und 21 Jahren leben hier auf engstem Raum miteinander. Mädchen wie Jungen teilen sich jeweils nur zwei Schlafräume. Auch tagsüber gibt es nur zwei Aufenthaltsräume, einer davon dient gleichzeitig als Essraum und ist dann bis auf den letzten Platz gefüllt. Und trotzdem geht alles hier nicht nur friedlich ab, sondern wir beobachten auch eine große Sensibilität mit Umgang miteinander. Man hilft sich untereinander nicht nur bei den Schulaufgaben, auch andere Gemeinschaftsaufgaben werden miteinander erledigt. Wer etwas noch nicht kann, dem wird selbstverständlich geholfen. Es ist noch etwas geblieben von den Werten der Aymara und Quechua, vom Miteinanderleben und –teilen in den Comunidades. Denn hier zählte nie der Einzelne, sondern nur das Gemeinsame. Gemeinsam wurden Häuser gebaut, gemeinsam wurde gesät und geerntet, jeder trug Verantwortung für die Gemeinschaft. Genauso selbstverständlich arbeiten hier in Karipuyo alle mit am Gemeinwohl: Die Lehrer machen nicht nur ihren Unterricht, sie wohnen auch hier im Ort und sind auch nach der Schulzeit mitverantwortlich für das Gemeinschaftsleben. Wie oben schon erwähnt gestalten sie die Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag, doch auch im Alltag arbeiten sie auch außerhalb des Unterrichts. Einige helfen den Kindern nachmittags im Internat, andere unterstützen die tägliche Ausgabe des Mittagessens, wieder andere organisieren Fußballturniere u.v.a.m. Das Gleiche gilt für die Mitarbeiter der Misión: Alle arbeiten hier rund um die Uhr, es gibt kein Wochenende, keine Ferien, ja noch nicht einmal Bezahlung. Wer mitarbeitet, hat ein Dach über dem Kopf und erhält sein täglich Brot. In Gesprächen wird deutlich: Nicht der Einzelne zählt, sondern die Gemeinschaft. Christliche Werte der Nächstenliebe, des selbstlosen Einsatzes in der Nachfolge Jesu treffen hier auf indianische Traditionen des Gemeinwohls – und sie passen zueinander.
Wie anders sieht es bei uns in Deutschland aus: Das Gemeinwohl wird ständig überlagert von den Interessen jedes Einzelnen, die Freiheit des Individuums ist stets vorrangig. Erst wenn die persönlichen Interessen und Bedürfnisse befriedigt sind, erst dann – und auch das ist nicht selbstverständlich – beginnen die Überlegungen für das Gemeinwohl. Klar, es kommt der Einwand: Wir haben ja auch eine andere Geschichte in Europa, wir sind geprägt von der Aufklärung, von der Bedeutung der Individualität eines jeden Menschen. Wir sind geprägt von der bürgerlichen Gesellschaft, die auf die einzelne Familie bezogen ist, auf die Privatsphäre, die es zu schützen gilt vor den Eingriffen des Staates. Und doch kommen wir hier ans Nachdenken: Wem dient der Individualismus, der in Europa so stark ausgeprägt ist? Warum sind so viele in Deutschland trotz guter materieller Rahmenbedingungen und trotz großer persönlicher Freiheiten unzufrieden mit ihrem Leben und sich selbst? Wie kommt es, dass wir hier im abgelegenen Andendorf trotz aller Armut so viel mehr Gelassenheit und Ausgeglichenheit bei den Menschen verspüren als bei uns? Woher kommt die Hoffnung auf eine bessere Zeit, auf ein neues Bolivien? Woher kommen Lachen und Fröhlichsein, wo es doch rational kaum Grund dafür gibt?
Vielleicht liegt es am einfachen Leben: Es gibt wenig
Ablenkung, der Alltag ist oft eintönig. Das Fernsehen hält erst
langsam Einzug in Karipuyo, in den Dörfern rund herum gibt es bis heute
noch keinen Strom. Es gibt kein Internet, kein Kino, kein Theater, noch nicht
einmal eine Kneipe. Natürlich freut man sich hier über Abwechslung
– und wenn es Menschen aus Deutschland sind, die hierhin zu Besuch kommen.
Vielleicht gelingt es uns in der nächsten Zeit etwas besser, den oben
aufgeworfenen Fragen auf den Grund zu kommen. Eines sei aber an dieser Stelle
schon betont: Es ist sicher nicht die Armut, die hier idealisiert werden soll.
Was uns an Armut hier begegnet, ist menschenunwürdig und muss bekämpft
werden. Doch was uns in den Menschen hier begegnet, in ihren Werten für
die Gemeinschaft, das ist schon anders als bei uns und das macht uns schon
nachdenklich...