Bolivien-Tagebuch von Ele und Martin Fey 2006
Teil 5 vom 8. - 14.8.06
Karipuyo – 8.8.06
Zur Schule in Karipuyo: Es gibt eine Primaria (Klasse 1-8) und eine Secundaria (Klasse 9-12), die hier eine Einheit bilden. Die Gesamtleitung liegt in der Hand eines Direktors, Filiberto Callapa Ramos. Die Primaria hat auch noch eine Vorschulklasse, da es hier keinen Kindergarten im Ort gibt. Die ersten drei Jahrgänge sind einzügig. Dann folgen bis Klasse 10 zweizügige Jahrgänge. Die Klassen 11 und 13 sind wieder einzügig. Die Einzügigkeit bei den letztgenannten Klassen hängt mit Abgängen zusammen, die die Secundaria (und damit das Abitur) nicht schaffen. Die Schulpflicht endet bereits nach Klasse 8. Die Einzügigkeit in den ersten drei Jahrgängen wiederum liegt daran, dass es in mehreren kleinen Gemeinden im Umfeld von Karipuyo Primarias bis Klasse 3 gibt und die Schüler dann die Schule wechseln. Wie viele Schüler bei diesem Schulwechsel verloren gehen, wollen wir demnächst eruieren. Der Unterricht beginnt täglich um 9.00 h. Das heißt aber nicht, dass dann auch alle Kinder da sind: Von 25 Kindern in Klasse 1 waren heute beim Schulbeginn gerade mal 16 anwesend, die anderen kamen erst im Verlauf der ersten Stunde. In anderen Klassen ist es ähnlich. Dies liegt zum Einen am Weg, den manche Kinder laufen müssen (bis zu zwei Stunden), aber auch an den Eltern und dem hier vorherrschenden Umgang mit der Zeit. Die Schule endet für die Klassen 1-8 montags und dienstags um 16.00 Uhr, ansonsten um 15.00 Uhr, die Klassen 9-12 haben täglich eine Stunde mehr Unterricht. Heute haben wir nach einem Gespräch mit Fili, dem Direktor, zunächst einmal in zwei Klassen der Primaria hospitiert. Zunächst einmal zu dem, was uns am meisten auffiel: Die Klassenräume selbst sind ziemlich heruntergekommen. Ein neuer Anstrich und die Renovierung der Elektrik sind dringend notwendig, außerdem fehlt in der gesamten Schule fließendes Wasser. Allerdings gab es auch Unterschiede: In einer Klasse war es richtig dreckig, der Boden war seit Tagen nicht gereinigt, Tische und Stühle waren zum Teil bis unter die Decke gestapelt und es herrschte ein ziemliches Chaos.
Mitten im Unterricht verteilte die Lehrerin aus einem Eimer Wasser auf dem Fußboden, damit es nicht so staubte. Bei den Kindern fiel uns auf, was ihnen fehlt: In der ersten Klasse, in der wir waren, gab es kaum Vorkenntnisse, sie bringen von zu Hause so gut wie nichts mit, ihnen fehlen Materialien, ihnen fehlt der Kindergarten und von dem Jahr Vorschule war nicht viel zu merken. Nach Aussage der Lehrerin ist die Zusammenarbeit mit den Eltern sehr schwierig. Aber auch im Unterricht mangelte es zumindest in Klasse 1 an so manchem: Es gab zwar Gruppentische, sie wurden aber nicht genutzt. Die wenigen Materialien waren unzureichend, so dass der Hauptteil des Unterrichts frontal ablief. Gelesen wurde im Chor, gezählt wurde im Chor. Schnell stellten wir fest, dass die im Chor gezählten Zahlen weder mit einem Mengenbegriff verbunden waren noch einzeln gelesen werden konnten. Auch die Lehrerin, eine noch sehr junge Frau, wirkte trotz aller guten Bemühungen überfordert im Umgang mit 25 Kindern. Wesentlich besser war der Eindruck in einer vierten Klasse, in der wir am Nachmittag hospitierten. Die Klasse war zumindest gefegt und trotz verblichener Wandfarbe wesentlich ordentlicher und aufgeräumter. In eineinhalb Zeitstunden erlernten die Kinder hier die schriftliche Division mit Hilfe von Materialien und einem vorgegebenen Raster. Erstaunlich war, wie schnell die Kinder mit dem Raster umgehen konnten. Auch war der gesamte Unterricht gut gegliedert und abwechslungsreich. So wie es aussieht, ist hier – wie auch bei uns – neben den äußeren Rahmenbedingungen vor allem die Person des Lehrers oder der Lehrerin ausschlaggebend. Die Kinder in Klasse 4 waren auch erst seit Anfang des Schuljahres zusammen. Sie kamen alle aus unterschiedlichen Gemeinden im Umfeld von Karipuyo.

Wilfran hat eine Initiative gestartet, um die Schule zumindest äußerlich wieder auf Vordermann zu bringen: Innen und außen soll alles komplett neu gestrichen werden, gleichzeitig sollen die elektrischen Leitungen erneuert und die defekten Lampen ersetzt werden. Die Schüler der Abschlussklasse haben Briefe geschrieben, die nun an verschiedene Personen verteilt werden und in denen um Unterstützung geworben wird, um Geldspenden und um konkrete Hilfe bei den Renovierungsarbeiten. Die Briefe gehen an die Lehrer, an die Eltern der Kinder, an die Gemeindeverwaltung und verschiedene Einzelpersonen. Auch wir erhalten einen Brief. Wir entscheiden uns spontan, abgesehen von konkreter Hilfe beim Streichen, 2000,- Bolivianos (entspricht ca. 200,- €) für Materialien zur Verfügung zu stellen. Wohl wissend, dass dies für hiesige Verhältnisse viel Geld ist, wir aber nicht als die „reichen Leute aus Deutschland“ da stehen wollen, erhält Wilfran das Geld als „anonyme“ Spende. Bei der ganzen Aktion wird uns wieder einmal bewusst, dass wir in einer „otro mundo“, einer anderen Welt sind. In Deutschland ist eine derartige Initiative kaum vorstellbar...
Karipuyo – 12.8.06
Nun hat es den Martin erwischt: Eine Erkältung in Nase und Bronchen hat mich ziemlich umgehauen. Normalerweise bin ich ziemlich schnell wieder auf den Beinen, doch hier ist auch dies wie so vieles anders. Aber es wird schon wieder...
Seit gestern haben wir hier das Haus voll: In der CETHA (dem Zentrum für alternative Erwachsenenbildung) findet für drei Tage ein Kurs für 45 Erwachsene statt, die hier in Etappen ihren Schulabschluss nachholen. Außerdem sind aus Sakaka acht Internos eingetroffen, die dort alle die Abschlussklasse 12 besuchen und noch in diesem Jahr ihr Abitur machen. Sie bilden hier mit weiteren neun der hiesigen Abschlussklasse eine Gruppe, die ein „Besinnungswochenende“ durchführt, wie man es bei uns nennen würde. Es geht um die individuellen Zukunftspläne und das Thema „Was ist meine Berufung?“. Verantwortlich für das Wochenende ist Jesús Mary. Da wir gebeten wurden, einen Teil inhaltlich zu übernehmen, sind wir dabei. Es beginnt mit einem lockeren Vorstellungsspiel, da sich die Jugendlichen untereinander nicht alle kennen. Dann beginnt eine Runde mit persönlichen Berichten von eigenen Erfahrungen und Berufungen. Es beginnt Padre Joseba, der seit einem Jahr in Sakaka arbeitet. Er erläutert seine Erfahrungen in diesem Jahr und seine Beweggründe. Dann sind wir an der Reihe. Wir berichten von unserem ersten Besuch 1983 in Norte Potosí, von den Eindrücken, die uns damals so stark berührt haben und uns als Christen herausgefordert haben, zu einer Veränderung hier in der Region von Norte Potosí beizutragen. Wir berichten von den vielen positiven Veränderungen, die wir in den letzten 23 Jahren hier beobachtet haben und von der Hoffnung, die wir bei unserem jetzigen Besuch überall in Bolivien verspüren. Wir berichten von unserem MEF-Kreis in Oberhausen, zeigen Bilder von Aktionen und von Menschen, die sich in Deutschland für Norte Potosí engagieren. Unser Ziel ist es, mit unserem Beispiel Mut zu machen und aufzuzeigen, dass es sich lohnt, sich für Veränderungen einzusetzen. Bei Nachfragen machen wir noch einmal deutlich, was dies für die Jugendlichen hier bedeuten kann: Eine weitere Veränderung und Verbesserung hier in Norte Potosí ist möglich, wenn es auch in Zukunft mehr und mehr Menschen hier vor Ort gibt, die sich als Bolivianer für diese Region einsetzen, die gut ausgebildet sind und dann Verantwortung vor Ort übernehmen. An dieser Stelle übernehmen dann Sandra und Wilfran und geben Zeugnis von ihrem Engagement. Sie beide stammen ja aus Norte Potosí und haben den gleichen Werdegang wie diese Jugendlichen. Am nächsten Tag geht es zunächst weiter mit einer Bibelarbeit. In Gruppen arbeiten die Jugendlichen an drei Bibeltexten: Es geht um die Fischer am See Genesareth, die von Jesus aufgefordert werden, ihm nachzufolgen und Menschenfischer zu werden. Ein weiterer Text handelt vom reichen Jüngling, der fragt, wie er ins Himmelreich gelangen kann und der ebenfalls von Jesus zur Nachfolge aufgefordert wird, aber vorher all seinen Besitz an die Armen verteilen soll. Ein dritter Text handelt von der Heilung eines Kranken, der gesund wird, weil er an Jesus glaubt. Den Jugendlichen gelingt es in eigenständiger Gruppenarbeit erstaunlich gut, die Texte zunächst zu verstehen und sie dann auf ihre Situation zu beziehen. Dann geht es in die Einzelarbeit. Jeder ist aufgefordert, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Als Hilfe dienen einige Fragen: Was ist meine Berufung? Was muss ich aufgeben? Was muss ich finden? Was ist mein Engagement? Mit welchen der persönlichen Berichte kann ich mich identifizieren? Im Rahmen eines Wortgottesdienstes gibt es dann abschließend noch einmal die Möglichkeit, sich ganz persönlich einzubringen. Wir sind erstaunt, mit welcher Ernsthaftigkeit diese jungen Menschen seit eineinhalb Tagen bei der Sache sind.

Karipuyo – 14.8.06
Am Sonntag sind wir nach dem Gottesdienst nach Sakaka gefahren, um die Jugendlichen vom dortigen Internat wieder nach Hause zu bringen. Mit insgesamt 14 Personen war der Jeep gut gefüllt. Da Jesús Mary nicht gerade langsam fährt – auch wenn der Wagen voll beladen ist – waren einige froh, nach knapp eineinhalb Stunden durchgeschüttelter Fahrt auf den „Caminos del Norte de Potosí“ wieder aussteigen zu können. In Sakaka lernten wir dann Hilda, die Leiterin des Internats kennen. Alle zusammen aßen wir zu Mittag, dann nutzten Ele und ich die neue Möglichkeit des Internets in Sakaka. Trotz einiger technischer Startschwierigkeiten gelang es uns dann, unsere letzten Tagebucheinträge zu verschicken. Auf dem Rückweg fuhr ich dann. Wir brauchten zwar eine Viertelstunde länger für den Weg, dafür verlief die Fahrt etwas ruhiger...

Heute hat der Autobus, der zweimal in der Woche Karipuyo mit Oruro verbindet,
auf dem Dach 50 neue Matratzen für das Internat angeliefert. Für
die Kinder war das eine große Freude, denn die alten Matratzen waren
schon ziemlich durchgelegen. Alle halfen mit, so dass ruckzuck 50 Matratzen
ihren Platz im Internat fanden. Kostenpunkt der Aktion: 1020,- € (davon 20,-
€ für den Transport). Kostenträger: Kath. Kirchengemeinde St. Marien
in Oberhausen.

