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Bolivien-Tagebuch von Ele und Martin Fey 2006

Im Kopierladen - 19.8.06

Wir stehen im Kopierladen.
Eigentlich ist es gar kein Kopierladen, sondern nur ein Raum mit einem Fotokopierer.
Es ist der einzige Fotokopierer Karipuyos.
Er gehört der Misión und sie stellt ihn der Öffentlichkeit zur Verfügung.
20 Centavos kostet eine Kopie.

Die Menschen stehen Schlange.
Schon seit Tagen bildet sich jeden Tag eine neue Schlange.
Nicht nur vor dem Kopierladen.
Die Menschen stehen Schlange vor dem Pfarrbüro und vor Wilfrans Oficina in der Alcaldía.
Zeitweilig sind es mehr als 100.
Es sind Menschen, die einen Identitätsnachweis brauchen, bei uns würde man sagen, einen Personalausweis.
Bisher gab es keinen in Bolivien, es gab unterschiedliche Papiere:
Die Polizei stellte eine Carta Identitad aus. Man brauchte dort nur einen Namen nennen, dann bekam man ein solches Papier.
Es gibt Geburtsurkunden und Hochzeitsnachweise, ausgestellt von sogenannten Notaren. Aber selbst diese können nicht alle richtig lesen und schreiben.
Die neue Regierung nun ist aktiv geworden: Endlich können sich alle Bolivianer einen Identitätsnachweis ausstellen lassen. Die Daten werden zentral erfasst.
Und: Bis zum 20. August ist die Ausstellung kostenlos!
Deshalb der Run!
Denn die ganze Sache hat einen Haken. Noch sind nicht alle Daten erfasst.
Manchmal gibt es Unstimmigkeiten. Und dann brauchen die Campesinos Kopien ihrer Unterlagen.
Oder sie brauchen einen Nachweis über ihre Taufe.
Wieso Taufe?
Die kath. Kirche ist die einzige Stelle im Land, die seit Jahrzehnten über geordnete Bücher verfügt.
Alle Taufen sind dort aufgelistet.
In einem Land mit annähernd 100% katholischer, d.h. getaufter Bevölkerung, sind dort alle Daten erfasst.
Also auch Schlangen vor dem Pfarrbüro und dem Kopierladen.
Der Haken: Es gibt kein Personal. Also arbeiten alle, die sonst schon alle Hände voll zu tun haben, wieder mit: Sandra, Marco, César, Eulógio, Jesús Mary und natürlich auch wir. Wilfran arbeitet Tag und Nacht in seinem eigenen Büro die Schlange ab.
Heute war es besonders eng.
Nur Sandra, Ele und Martin waren einsatzbereit. Alle anderen waren außerhalb des Ortes im Einsatz.
Dann fiel auch noch der Strom aus und wir konnten stundenlang keinen Computer und keinen Kopierer einsetzen (statt dessen Arbeit mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier).

Doch wie geht es der anderen Seite, denen, die in der Schlange stehen:
Sie warten Stunden, manchmal bis zu zwei Tagen.
Sie haben kein Essen bei sich.
Sie haben keinen Schlafplatz.
Wir organisieren, so viel wir können: Warme Getränke und etwas zu essen, soweit Platz ist auch Übernachtungsmöglichkeiten.
Viele bleiben trotzdem auf sich selbst angewiesen.

Wir treffen auf Menschen, die keine Papiere haben.
Menschen, die nicht wissen, wann sie geboren sind, manchmal noch nicht einmal das Jahr.
Das macht die Suche in den Taufbüchern umso schwerer.
Wir sehen Papiere, jahrzehntealt, vom Regen durchweicht, kaum noch zu lesen.
Doch wie verwahrt man Papiere in einer Lehmhütte?
Warum ist es auf einmal wichtig, Papiere zu haben?
Manchen merkt man an, dass sie gar nicht so richtig wissen, was hier abgeht.
Sie werden von einer Stelle zur anderen geschickt, um einen Nachweis zu erbringen, dass sie überhaupt existieren.
Als letztes kommen sie zu uns: Heute saßen wir im Pfarrbüro und suchten in den Taufbüchern nach Namen und Taufunterlagen.
Nein, 1937 wurde kein Mario Camariri Vargas getauft, nicht im Bezirk von Karipuyo, auch nicht im Bezirk von Sakaka.
Zur Sicherheit suchen wir noch in 1938 und 1939, in 1936 und 1935.
Nein – keine Taufe!
Aber ich bin doch getauft! Was soll ich jetzt machen?
Wir können nicht weiterhelfen...

Wir sehen: Manches liegt hier an der Organisation, wir geben Anregungen, was verbessert werden könnte.
Auch Wilfran, in dessen Hand der wichtigste Teil liegt – er vertritt ja hier die amtliche Seite – ist am Ende. Er arbeitet seit mehreren Tagen bis spät in die Nacht, da er die Menschen nicht einfach draußen stehen lassen will.
Aber er weiß, dass perspektivisch wichtig ist, was hier geschieht: Ein Land, das sich entwickeln will, braucht die Daten seiner Bürger. Und die Bürger dieses Landes brauchen in Zukunft einen einheitlichen Nachweis über Namen und Abstammung.

Wie weit ist der Weg noch für diese Menschen hier?
Noch haben sie Geduld, unendliche Geduld, wenn sie in den Schlangen warten...