Bolivien-Tagebuch von Ele und Martin Fey 2006
Frohe Botschaft - 17.8.06
„Selig sind die Armen, ihnen gehört das Himmelreich.“
Wir sind schon Stunden unterwegs, im Jeep und zu Fuß,
haben steile Abhänge und Flüsse überwunden, um nach Cayacayani
zu gelangen.
Steinige Felder haben wir überquert – im wahrsten Sinne des Wortes: Bei
uns würde diese Felder niemand pflügen.
Wir begegnen einer Schafherde. Schafe sind genügsame Tiere.
In
Cayacayani sind die Menschen zusammengekommen:
Kinder, die schon Haut wie Leder haben, lächeln uns an.
Eine Campesina in schmutziger Kleidung und nackten Füßen in Sandalen
aus Autoreifen hält liebevoll ein neugeborenes Lämmchen im Arm.
Kinder, zur Taufe herausgeputzt, doch unter dem Poncho sieht man die Armut.
Ein alter Mann schleppt sich mühsam am Stock herein. Wie hat er überhaupt
den Weg hierhin geschafft?
Inmitten kaum vorstellbarer Armut sitzen wir in einer Schulklasse.
Es gibt hier keine Kapelle.
Auch die Schule besteht nur aus diesem einzigen Raum.
Ein Tisch wird hereingetragen. Ein Gottesdienst braucht einen Altar.
Stück für Stück habe ich in den letzten Tagen
gelernt, was hier geschieht:
Im wahrsten Sinne des Wortes wird den Menschen hier eine frohe Botschaft gebracht.
„Selig sind die Armen, ihnen gehört das Himmelreich.“
„Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, in denen Gerechtigkeit
herrscht.“
„Er stürzt die Mächtigen vom Thron, er richtet die Unterdrückten
auf.“
Was heißt das in diesem Kontext? Welche Hoffnung wird
den Menschen hier vermittelt? 
Jesús Mary verknüpft die biblischen Bilder immer
mit der konkreten Realität. Es gibt keine Hoffnung, die nicht mit Veränderung
verbunden ist.
„Wir brauchen ein neues Bolivien, in dem Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen.“
„Wir brauchen politische Veränderungen, aber auch Menschen, die christlich
und solidarisch miteinander umgehen.“
„Wir brauchen bessere Schulen, Bildung für alle. Der Analphabetismus
muss überwunden werden.“
In der Misión Norte Potosí gibt es diese Veränderungen bereits: Die Hogares Campesinos, weiterführende Schulen, Schulgärten, Krankenhäuser und Sanitätsposten, Kurse für Analphabeten, für Frauen, zum Nachholen von Schulabschlüssen...
Keiner kommt zu diesen Menschen außer dem Padre.
Kaum eine Nachricht aus der weiten Welt kommt hier an außer dieser Botschaft.
Eine wahrhaft frohe Botschaft, die Hoffnung vermittelt inmitten tiefster Armut.
Eine frohe Botschaft, die aber auch zu Veränderungen aufruft, zum Kampf
gegen Ungerechtigkeit und Analphabetismus.

Eine frohe Botschaft, die hier und jetzt schon begonnen hat, Wirklichkeit zu werden.
Ich stoße auf einen Satz der frohen Botschaft:
„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in das Himmelreich
gelangt.“
An wen richtet sich diese Botschaft?