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Bolivien-Tagebuch von Ele und Martin Fey 2006

Schnee und Hagel - 17.8.06

Eigentlich ist Epoca de seca – Trockenzeit.
In den ersten vier Wochen war es auch so: Tagsüber blauer Himmel und Sonne, kalter Wind und nachts ebenfalls kalt.
Polvo – Staub überall, auf Wegen und Plätzen bis in Häuser und Autos.
Mund, Hals und Nase sind trocken und gereizt, viele kämpfen mit Erkältungen.

Mitte August, in unserer fünften Woche:
Plötzlich ziehen am Nachmittag Wolken auf: „Ja, es kann schon mal regnen, auch in der Trockenzeit, aber es sind immer nur ein paar Tropfen!“ heißt es.
In den ersten drei Tagen ist es dann auch so: Wolken am Nachmittag, am Abend ein paar Tropfen...

In Janq’o-Janq’o schneit es dann das erste Mal und wird richtig kalt.
„Das liegt an der Höhe!“ heißt es dann. Immerhin sind wir 4000 m über dem Meerespiegel.
Zwei Tage später verdunkelt sich der Himmel in Karipuyo:
Wir rechnen mit einem kleinen Regenschauer, doch dann geht es los:
Hagelkörner, dick wie Tischtennisbälle, prasseln vom Himmel herunter.
Ich hole die Wäsche herein und spüre die Hagelkörner.
Wilfran ruft: „Martín, has vista la plaza?“
Ich schaue zur Haustür hinaus: Alles ist weiß, die Plaza, die Straßen, die Häuser.
Ich sehe die Berge im Hintergrund: Weiß, bedeckt mit Schnee und Hagel.
Ich hole die Kamera: Alles ist weiß, auch die Cancha, die Schule, das Krankenhaus.
„In den sechs Jahren, die ich in Karipuyo lebe, habe ich das noch nicht erlebt“, sagt Sandra.
Wir staunen – irgendwie wirkt alles so anders, aller Staub, alles Braun ist unter einer weißen Decke verschwunden.

Doch plötzlich fällt uns ein: Unsere Internos sind alle unterwegs, zu Fuß unterwegs nach Hause.
Heute Nachmittag sind sie aufgebrochen, denn morgen ist keine Schule – die Lehrer müssen ihr Geld abholen. Drei Tage – bis zum Montag – ist frei, eine Gelegenheit, endlich mal wieder nach Hause zu kommen, auch wenn der Weg weit ist – bis zu acht Stunden laufen manche.
Keiner hat mit diesem Wetter gerechnet.
Wie mag es diesen Kindern gehen? Die Kleinsten sind 13, 14 Jahre alt.
Es gibt draußen keinen Schutz, kein Dach zum Unterstellen, keine Bäume, keine Höhlen...
Keiner hat wetterfeste Kleidung, vor allem die Mädchen tragen Sandalen aus Autoreifen, mit nackten Füßen.
Wir sitzen hier und können ihnen nicht helfen...

Wie viele andere sind unterwegs in dieser Gegend, auf den Feldern, mit den Tieren...
Tagsüber sind die Campesinos hier immer unterwegs.
„Es kann Tote geben, bei Menschen und Tieren!“ meint Wilfran.

Für uns ein kleines Abenteuer – hier tödliche Gefahr!
Wie hart und erbarmungslos ist das Leben in diesen Anden!
Ist nicht der Alltag schon hart genug, der tägliche Kampf ums Überleben?
Muss die Natur so grausam sein?
Es hat nicht lange gedauert, höchstens eine halbe Stunde.
Kurze Zeit später die nächste Gefahr: Bäche von Wasser fließen durch Karipuyo.
Schnee und Hagel schmelzen schnell wieder und überall fließen kleine Bäche.
In den Flusstälern wird es jetzt gefährlich, denn dort fließt von überall in den Bergen das Wasser zusammen.

Die Flüsse werden reißend, Steine werden von den Fluten mitgerissen.
Das Überqueren der Flüsse wird zur lebensgefährlichen Aktion.
Aber wer unterwegs ist, kann hier nicht alle Flüsse umgehen.
Um ans Ziel zu kommen, muss man manchmal durch den Fluss.
Es gibt nur wenige Brücken.
Wir zählen sie demnächst mal, wahrscheinlich kommt man für das gesamte Gebiet von Norte Potosí mit zwei Händen aus...
Aber es gibt so viele Flüsse...


Mir kommen die Häuser in den Sinn, die einfachen Lehmhäuser der Menschen in den Comunidades.
Nicht alle Dächer haben Calamina, Wellblech.
Auf dem Land haben die meisten Häuser die Dächer mit Stroh gedeckt.
Wie dicht sind diese Häuser bei Hagel und Schnee?
Wie kalt mag es jetzt in diesen Häusern sein, in denen auch der Boden nur aus getrocknetem Lehm besteht, in denen Fenster und Türen nicht dicht sind?
Ich stelle mir vor, wie Menschen und Tiere in einem einzigen Raum Schutz suchen vor Hagel und Schnee, glücklich sind, ein Dach über dem Kopf zu haben, aber wie überleben sie?

Es wird dunkel, die Sonne geht unter.
Keine Chance für wärmende und trocknende Sonnenstrahlen.
Viele Menschen haben in Karipuyo Schutz gesucht.
Sandra hat die Idee: Wir kochen für sie etwas Wärmendes.
Einige wenige der älteren Internos sind hier geblieben.
Mit ihnen zusammen bereiten wir alles vor, dann gibt es heißen Kaffee und Brot.
Wenn auch nicht viel, so doch wenigstens etwas, dass hier getan werden kann.